Wieviel Aufpreis darf ein Fair-Trade-Smartphone kosten?

Es tut sich was in der Welt der fair und nachhaltig produzierten Elektronik, wenn auch nur langsam und bei weiten nicht in der Breite, wie es wünschenswert ist. So zeigt das letzte Greenpeace-Ranking, dass noch viel Aufholbedarf für bekannte Markenfirmen besteht, wenn ein bei uns unbekanntes indisches Unternehmen mit deutlichem Vorsprung den ersten Platz einnimmt.

Um die Situation zu verbessern, möchte ein niederländisches Unternehmen names FairPhone die Messlatte werden, wie nachhaltige Produkte, zu fairen Bedingungen hergestellt, auszusehen haben. Dabei wird der gesamte Produktlebenszyklus betrachtet, von den Arbeitsbedingungen im Bergbau und in der Produktion, in der Verwendung bis hin zur Wiederverwendung und dem Recycling.

Obwohl die Verfügbarkeit erst im dritten Quartal geplant wird, liegen bereits 5.338 Bestellungen vor. Preis? Unbekannt.

Und damit zur anfänglichen Frage: Was darf so ein Telefon mehr kosten als die unfair produzierten Ebenbilder?

Meine Antwort: Nichts.

„Ohne Mehrkosten, das ist nicht möglich.“

Meine These ist eine umgekehrte: Es ist möglich. Man muss nur richtig rechnen, und zwar über den Produktlebenszyklus.

Die jetzigen Smartphones sind nämlich oft nicht nur gegenüber den Arbeitern in der Herstellung unfair, sondern auch gegenüber dem Konsumenten. Um einen Austausch des Geräts nach spätestens zwei Jahren zu erzwingen, werden verschiedenste Strategien angewandt:

  • Marketingmaßnahmen machen den Konsumenten heiß auf das neueste Gerät.
  • Die Hersteller werden hierbei von den Netzbetreibern unterstützt, indem genau zu diesem Zeitpunkt mit einer Vertragsverlängerung das neue Telefon besonders günstig (über die Gebühren subventioniert) gekauft werden kann.
  • Verschleißteile wie Batterien sind teilweise nicht tauschbar.
  • Bei manchen Geräten sind mechanische Komponenten wie die Tastatur kaum mehr verwendbar, aber eine Reparatur manchmal unmöglich. („Kaufen Sie lieber ein neues, das ist billiger.“)
  • Reparaturen können nur beim Hersteller durchgeführt werden, z. B. weil Komponenten verklebt oder Spezialwerkzeuge erforderlich sind.
  • Niederwertige Kunststoffe zeigen deutliche Abnutzungsspuren.
  • Software-Updates sind nicht mehr erhältlich.

Ein faires Telefon sollte auch gegenüber dem Kunden fair sein. Das bedeutet Reparaturfähigkeit, hochwertige Materialen, höchste Qualität bei den Komponenten, Austauschbarkeit von Verschleißteilen.

Wenn man dadurch die Lebensdauer auf das Doppelte verlängern kann, wäre ein doppelter Einkaufspreis gerechtfertigt.

„Ohne Mehrkosten heißt aber gleicher Einkaufspreis.“

Meine zweite These: Auch das ist möglich.

Überlegen wir uns, was bei einem modernen Smartphone, nehmen wir das iPhone 4S, die Produktionskosten sind. Nach Berechnungen von iSuppli sind das ca. 150 Euro. Aktuell kostet es auf Geizhals 549 Euro, ohne Umsatzsteuer also ca. 450 Euro. Bleiben 300 Euro für Transport, Vertrieb, Hardware- und Softwareentwicklung, Design, Marketing. In den ersten 14 Wochen wurden 37 Millionen Stück davon verkauft, also sind die einmaligen Entwicklungskosten pro Gerät in einem vernachlässigbaren Rahmen.

Ein faires Phone wird sicherlich nicht diese Stückzahlen absetzen, hat aber andere Möglichkeiten. Der Einsatz eines Open-Source-Betriebssystems wie Jolla kann geringere Entwicklungskosten bedeuten. Die Reduktion des Marketings setzt Mittel frei, die für faire Produktionsbedingungen genutzt werden können.

Im Endeffekt kann durch faire Verteilung der Kuchenstücke ein faires Telefon im Preisrahmen von High-End-Geräten produziert werden.

Mehr zum Thema gibts beim twenty twenty am 13. Februar im Hub Vienna.

Über Franz Knipp

Geboren 1975, erster eigener Computer 1984, erste eigene Webseite 1995, erster Blog 1999 in Spanien. Seit 2000 Programmierer und Projektleiter. Inzwischen verheiratet und dreifacher Vater. 2011 Gründung eines Software-Unternehmens. Seit 2012 Grüner Gemeinderat in Oslip.
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